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Bienwald Marathon bei Kandel, Südpfalz am 12.03.2018, von Armin


„Was macht Dein Gewicht?“
Als spätberufener Taucher hatte ich meine Freizeit früher mit Langstreckenlauf und Schwimmen verbracht. Als Alter und Verletzungen jedoch langsam zunahmen, wechselte ich zum Tauchen. Ein privat schwieriges Jahr 2017 führte mich dann zu einem beträchtlichen Übergewicht, welches ich seit dem Herbst mit einer pflanzenbasierten Diät bekämpft hatte. Nachdem ich zehn Wochen später ein akzeptableres Körpergewicht zurückerlangt hatte, konnte ich mit geringer orthopädischer Gefahr wieder das Laufen als Ausgleichssport zum Tauchen beginnen. Für das Apnoetauchen bringt mir das einiges.
Das war kurz vor Neujahr 2018. Ich hatte großes Glück und blieb gesund, während ich täglich ohne Ausnahme ein Laufpensum absolvierte. Ich begann mit 6 km/Tag mit einem Tempo von 6 min/km. Acht Wochen später lief ich täglich 10 km/Tag im selben Tempo und hatte weiter Erfolg mit meiner Diät. Ich genoss auch die Psychohygiene, die angenehme Körperwahrnehmung und die gesteigerte Gesundheit durch das tägliche Laufen! Um mich herum hatte ich ständig Erkrankte und ich blieb einfach gesund. Inzwischen war in mir der Entschluss gereift, als Ziel meines Tuns am Bienwald Marathon Mitte März teilzunehmen.

Ein Lauf mit viel persönlicher GeschichteBild "Reiseberichte:Kandel_1988.jpg"
Armin beim Bienwaldmarathon 1988...

Vor 32 Jahren war ich erstmals 18-jährig in Kandel dabei gewesen. Von da an war ich in unregelmäßigen Abständen immer wieder dort angetreten und war meist Zeiten knapp über drei Stunden gelaufen. Früher hatte mich mein Vater häufig dorthin begleitet. So ein Vater-Sohn-Ding, ihr wisst schon. Nun stand also meine 16. Teilnahme an. Letztes Jahr verstorben, trug ich meinen Vater im Herzen mit ins Rennen.
Was macht den Bienwald Marathon so einzigartig, dass ich immer wieder an den Start ging? In aller Kürze: Er ist auf das Notwendige reduziert: Er ist leicht erreichbar,  er hat eine flache, sehr schnelle Strecke im Wald mit unter 1000 Teilnehmern, wenig ablenkendes Publikum, Parken in der Nähe von Start und Ziel, eine straffe Organisation ohne Firlefanz und eine geringe Startgebühr. Die Strecke ist echt langweilig und lädt gerade deswegen dazu ein, sich nach innen zu wenden und konzentriert oder in meditativer Stimmung den Lauf zu absolvieren. Hier läuft man seine Bestzeit!

Ein perfekter Tag, um einen Marathon zu laufen
Trocken, teils sonnig und Temperaturen bis 14°C boten super Rahmenbedingungen. An den Start war ich mit dem Wunsch gegangen, gesund ins Ziel zu kommen, gerne in einer Zeit von 4:30 Stunden. Ein sehr übersichtliches Teilnehmerfeld, wohl von den kurz vorher noch herrschenden winterlichen Temperaturen und der Grippewelle arg verkleinert,  setzte sich in Bewegung.

„Das wirst Du noch bereuen!“
Keine Winterkleidung mehr zu tragen, beschleunigte meinen Schritt beträchtlich und plötzlich lief ich hinter den Zug- und Bremsläufern für eine Zeit unter 3:45 Stunden! Eine Weile sagte ich mir noch mahnend, dass ich das im letzten Drittel des Laufs bitter bezahlen würde, blieb aber dran. Ich fühlte mich sehr wohl und freute mich über die so lange entbehrte Wettkampfatmosphäre. Ich hatte das Gefühl, jedes Detail der Strecke wieder zu erkennen und fühlte mich wie auf meiner Hausstrecke.

Doppelsinnige Wendepunkte
Bei km 12 setzte sich das halbe Feld, die Halbmarathonläufer, die uns begleitet hatten, ab und es wurde schlagartig ruhiger im Feld. Bei km 16 war dann der erste Wendepunkt von Zweien, der es ermöglicht zu sehen, wer alles hinten einem noch unterwegs ist. Das kann stärkend, oder schwächend wirken. Auf jeden Fall bekommt man die Ersten zu sehen und wie gut die laufen können.
Kurz nach der Hälfte der Strecke durften wir die gesperrte Landstraße zugunsten eines grob asphaltierten Betriebsweges verlassen. Der führt dann im Zickzack zum zweiten Wendepunkt bei km 26. Der schmalere Weg lässt jetzt richtiges Waldfeeling aufkommen, aber die ersten Anzeichen von Anstrengung kommen eben auch auf. Ich wünschte mir sehr den Wendepunkt her – dann sind es noch einmal über 5 km, bis wir wieder aus dem Wald auf die Landstraße kommen und dann noch einmal 10 km bis ins Ziel – genug Wegstrecke, um noch richtig Schwierigkeiten zu bekommen. Traditionell betrete ich beim 2. Wendepunkt meine persönliche Welt des Schmerzes: Ungefähr hier beginnt bei mir der „tote Punkt“, bei dem ich urplötzlich langsamer werde und alle Träume von tollen Zielzeiten zu Staub zerfallen können.

Bild "Reiseberichte:Kandel_2018.JPG"
... und 30 Jahre später!


„Der Weg nach Hause“
Dieses Jahr ist das anders, souverän meistere ich den Wendepunkt und viel wichtiger: Den Weg heraus aus dem Wald. Alle 5 km ist eine  Getränkestelle aufgebaut, die ich auch alle ansteuere und zwei Becher Tee oder Sportgetränk zu mir nehme. Bei km 31 erreichen wir wieder die Landstraße! Diese führt in langgezogenen Kurven und, wie ich mich ungern erinnerte: leicht bergauf in Richtung Ziel. Wer sich die Strecke richtig eingeteilt hatte, konnte hier Läufer „einsammeln“: Die Läufer, deren Trainingsdecke zu kurz oder deren Ego zu groß war, die einfach Pech oder Krämpfe hatten.
Bei km 35 merkte ich, dass mir die Zug- und Bremsläufer zu langsam wurden(!) und ich lief mein eigenes Tempo alleine vorneweg. Viel sollte nicht mehr auf den letzten 7 km passieren können, das wagte ich nun erstmals zu überblicken. Bild "Reiseberichte:Kandel_Urkunde_2018.jpg"
Gratulation zu dieser tollen Zeit
Aber in den Beinen spürte ich, dass ich genau diese Bewegungen weiter machen sollte und keine Experimente – denn sonst würde ich wahrscheinlich krampfen.
Bei km 36 kam der Abzweig von der Landstraße in Richtung  Kandel. Diese letzten 6 km hatten mir schon so manche Wut- und Weinanfälle eingebracht, oft war hier der Endpunkt eines Erschöpfungslaufes und dann ziehen sich diese km sehr. Dieses Jahr aber lief ich angemessenen Schrittes und überholte fleißig andere. Beim Naturfreundehaus wünschte ich mir, wie jedes andere Jahr, mich direkt in den Biergarten zu einer Maß hinzusetzen und lief doch weiter. Und ja, nach 32 Jahren wird es Zeit dort endlich einmal einzukehren!
Dann brach der letzte Kilometer an und ich lief entlang des Stadions Richtung Eingang. Auch auf den letzten 400 Metern auf der Bahn ging mir nicht mehr die Kraft aus und so konnte ich in einer persönlich sehr schönen Zeit ins Ziel kommen. Ich sammelte Medaille, Urkunde und T-Shirt ein und fuhr glücklich nach Hause.
Das Leben ist schön!